Die vorherrschende Meinung nach diesem Spiel dürfte sein, dass der Super Bowl LX eher enttäuschend verlaufen ist. Und ja, ein deutlich spannenderes Duell wäre wohl der perfekte Schlusspunkt für eine Saison gewesen, die endlich wieder echte Ausgeglichenheit geliefert hat. Ein paar offensive Highlights mehr hätten der Unterhaltung sicher auch nicht geschadet.
Doch wer sich allein vom fehlenden Drama blenden lässt, übersieht, was die Seattle Seahawks hier tatsächlich geleistet haben. Dieses Spiel war nicht deshalb einseitig, weil ein Team nichts im Super Bowl verloren hatte – sondern weil das andere schlicht überragend war. Und angesichts der Art und Weise, wie sich Seattle vom Rest der Liga abgesetzt hat, sollte man anerkennen, was wir hier gesehen haben.
Die Seahawks sind, im wahrsten Sinne des Wortes, anders gebaut. In einer NFL, die von Star-Quarterbacks und offensiven Masterminds dominiert wird, fand Seattle den perfekten Gegenentwurf. Mike Macdonald, 2024 von den Ravens verpflichtet, brauchte gerade einmal eine Saison, um eine der erdrückendsten Defenses der Liga aufzubauen.
Niemand läuft gegen Seattle. Ihre 0,21 EPA pro Lauf in der Regular Season waren der beste Wert eines Teams seit 2020. Und wie die Patriots am Sonntagabend schmerzhaft erfahren mussten, gibt es kaum eine Defense, gegen die man weniger gern in klaren Pass-Situationen antreten möchte.
Ob mit einem dominanten Vier-Mann-Pass-Rush oder clever designten Druckpaketen mit Linebackern und Safeties: New England hatte keine Chance, diese Defense zu blocken. Drake Maye stand bei 28 Dropbacks unter Druck – der höchste Wert der Seahawks im Next Gen Stats-Zeitalter. Seine sechs Sacks lagen nur einen unter dem Super-Bowl-Rekord. Dazu kamen drei Turnover, darunter ein Pick-Six als endgültiger Knockout im vierten Viertel.
Laut TruMedia war es die beste defensive Super-Bowl-Leistung nach EPA pro Play seit 2015. Nach Jahren, in denen Teams verzweifelt den nächsten Kyle Shanahan oder Sean McVay gesucht haben, könnte Macdonalds sofortiger Erfolg die Tür für mehr Top-Kandidaten auf der defensiven Seite öffnen.
Walkers großer Tag

Kenneth Walker hob sich seinen besten Auftritt für den größten Moment auf.
So beeindruckend die Seahawks über weite Strecken der Saison auch waren, das Laufspiel sorgte oft für Frust. Der Wille war da, die Effizienz allerdings nicht: Eine Bottom-5-Quote in Sachen Run Success Rate passte so gar nicht zu einem Shanahan-ähnlichen Wide-Zone-System. Doch zum Ende der Saison zog die Effizienz an und in den Playoffs war das Laufspiel da, als es zählte.
Walker war dabei besonders spannend zu beobachten. Explosive Läufe waren nie das Problem: Zehn Läufe über 20 Yards bedeuteten Platz drei ligaweit. Doch die Konstanz von Spielzug zu Spielzug fehlte.
Vielleicht brauchte er einfach mehr Zeit im System. Oder vielleicht war es die klare Feature-Back-Rolle, die er nach der Kreuzbandverletzung von Zach Charbonnet in der Divisional Round erhielt, um wirklich Rhythmus zu finden.
Wie auch immer: Walker lieferte das beste Spiel seiner Karriere. Seine 135 Rushing-Yards waren der höchste Wert in einem Super Bowl seit Terrell Davis 1998. Laut Next Gen Stats erzielte er zudem 42 Rushing Yards over Expected und holte auf neun broken Tackles zusätzliche 79 Yards heraus.
Kein anderes Team ließ in dieser Saison mehr als 35 Yards nach verpassten Tackles zu. Walkers Auftritt war die beste individuelle Rushing-Leistung, die New England seit 2023 zugelassen hat.
Dass Walker zum Super Bowl MVP gewählt wurde und damit als erster Running Back seit Davis diese Auszeichnung erhielt, ist der perfekte Auftakt in seine erste Free Agency. Seattle wird ihn halten wollen – doch nach dieser Performance wird es reichlich Konkurrenz geben.
Super Bowl Sam
Wer hätte gedacht, dass wir eines Tages über Sam Darnold als Super-Bowl-Champion sprechen?
Er war gegen die Patriots nicht überragend – 19 von 38 Pässen, 202 Yards, ein Touchdown – doch er musste es auch nicht sein. Dieses Spiel hätte kippen können, sobald ein Quarterback dem Druck nachgegeben hätte.
Darnold tat das nicht. Nach 20 Turnovern in der Regular Season schloss er sich Drew Brees als einziger Quarterback dieses Jahrhunderts an, der eine komplette Super-Bowl-Run ohne Turnover absolvierte. Zudem wurde er nur einmal gesackt, obwohl New England bei 57,5 % der Dropbacks blitzte.
Darnold ist kein perfekter Quarterback, aber jetzt ein Champion. Nach seiner Gala im NFC Championship Game gegen die Rams und diesem abgeklärten Auftritt gegen das Team, bei dem er einst „Geister sah“, ist sein Comeback eine der beeindruckendsten Redemption Stories der NFL-Geschichte.
Drake Maye bricht ein

Drake Mayes schwacher Super Bowl schmälert nicht seine fantastische zweite Saison. Er war ein verdienter MVP-Zweiter hinter Matthew Stafford. Doch gleichzeitig muss man festhalten: Am Sonntag war es nicht genug.
Der Druck der Seahawks und die Probleme der Patriots-O-Line machten es brutal schwer. Dennoch gab es Chancen und Maye nutzte sie nicht. Fragwürdige Fehlwürfe und eine verheerende Interception bei Second-and-3 tief im vierten Viertel besiegelten die Niederlage.
New England steht trotz allem erst am Anfang eines eigentlich früh angesetzten Rebuilds. Doch diese Niederlage zeigt klar, wie groß der Abstand zur NFL-Spitze noch ist und dass Maye diese Lücke nicht im Alleingang schließen kann.
Vrabels kostspielige Entscheidungen
Mike Vrabel führte die Patriots mit einem historischen Turnaround zum Coach of the Year Titel. Trotzdem darf man seine Entscheidungen im Super Bowl kritisch hinterfragen.
Ein Punt bei Fourth-and-1 an der eigenen 41 beim Stand von 0:12 im dritten Viertel nahm dem Team jeglichen Schwung. Noch unverständlicher: der Verzicht auf eine Two-Point-Conversion beim Stand von 6:19.
Seattle war klar besser – doch solche Entscheidungen machten ein Wunder nahezu unmöglich.
Campbell – Zukunft als Guard?
Will Campbell erlebte einen Albtraum-Abend. 14 Pressures – so viele wie kein anderer Spieler in einem Spiel in dieser Saison. Die Diskussion, ob er langfristig eher als Guard aufgehoben ist, wird lauter.
Die Patriots müssen Campbells Entwicklung genau beobachten. Sollte ein Positionswechsel nötig sein, wird Left Tackle zur absoluten Priorität im Kaderbau.



