Das Finale war in seiner Dramaturgie fast schon gemein, weil es lange so tat, als würde es ein klassisches Titelspiel werden, eng, nervös, Feldposition, ein Punt nach dem anderen und dann in der zweiten Hälfte plötzlich alle Karten offen auf den Tisch warf: Indiana schlägt Miami im CFP National Championship Game am 19. Januar 2026 im Hard Rock Stadium in Miami Gardens mit 27:21 und vollendet damit eine 16–0-Saison.
Die erste Halbzeit ist dabei der Prolog, in dem Indiana das Spiel in genau jene Bahn zwingt, die Miami vermeiden musste. Sechs Punts, wenig Explosivität, ein Gefühl von: Jeder Yard ist Arbeit. Indiana kommt zuerst aufs Board , Nico Radicic trifft spät im ersten Viertel ein 34-Yard-Field-Goal zum 3:0 (2:42). Wichtiger als diese drei Punkte ist der Subtext: Miami findet offensiv keinen Rhythmus, bleibt auf Third Down komplett ohne Antwort (0/6 zur Halbzeit), und Carson Beck wirkt in der Pocket eher beschäftigt als souverän (49 Pass-Yards zur Pause).
Indiana nutzt diese Statik, um ein Titelspiel „klein“ zu machen, aber nicht passiv, sondern kontrolliert. Der zweite Indiana-Score ist der Drive, der die erste Hälfte definiert: 14 Plays, 85 Yards, 6:44 von der Uhr, abgeschlossen mit einem 1-Yard-Run von Riley Nowakowski zum 10:0 (6:13 im zweiten Viertel). Das ist der Unterschied zwischen Ballbesitz als Zeit schinden und Ballbesitz als Waffe: Indiana nimmt Miami nicht nur Possessions weg, sondern auch die Möglichkeit, das Spiel über Tempo und Emotion zu drehen.
Miami bekommt vor der Pause noch die Chance, den narrativen Schaden zu begrenzen, aber genau dort kommt eine Szene, die man in Championship Games nie loswird: Carter Davis’ 50-Yard-Versuch doinkt an den Upright. Keine Punkte, 10:0 bleibt stehen. Und Miami geht in die Halbzeit mit dem Gefühl, dass Indiana nicht dominiert, aber diktiert und dass Miami in einem Spiel gelandet ist, das es nicht selbst geschrieben hat.
Dann dreht die zweite Halbzeit das Bild, allerdings nicht, weil Miami plötzlich den Schlüssel gefunden hätte, sondern weil ein einzelner Explosivmoment alles verschiebt. Gleich früh im dritten Viertel bricht Mark Fletcher Jr. einen 57-Yard-Touchdown-Run heraus (11:06), und in 46 Sekunden steht es statt 10:0 plötzlich 10:7. Genau so wollte Miami dieses Spiel eigentlich spielen: ein großer Swing, ein Momentum-Riss, Indiana kurz aus dem Takt bringen.
Aber Indiana beantwortet diesen Swing mit dem, was Championship Teams von guten Teams trennt: Sie verlieren nicht die Struktur. Und sie finden den brutalsten Gegenpunkt, den ein Favorit nach so einem Punch setzen kann: Special Teams. Mitte des dritten Viertels blockt Indiana einen Punt, Isaiah Jones nimmt den 0-Yard-Return des geblockten Punts in die Endzone, plötzlich 17:7 (5:04). Das ist nicht nur ein Score, das ist eine psychologische Rückabwicklung dessen, was Miami gerade aufgebaut hat: Du brauchst einen 57-Yard-Run, um wieder reinzukommen und kassierst quasi sofort einen Touchdown.
Der vierte Abschnitt wird dann zur eigentlichen Titelgeschichte, weil Miami sich nicht wegduckt. Die Hurricanes öffnen das Viertel mit einem langen, sauberen Drive: 10 Plays, 81 Yards, Fletcher zum zweiten Mal als Finisher. 3-Yard-TD-Run zum 17:14 (14:57). Zum ersten Mal wirkt das Spiel wirklich offen. Und genau hier kommt der Kern der Partie zum Vorschein: Kann Miami Indiana zu einem Fehler zwingen, bevor Indiana wieder sein Spiel aufzieht?
Indiana antwortet mit einem Drive, der nicht spektakulär ist, aber final wirkt: 12 Plays, 75 Yards, Fernando Mendoza läuft selbst bei 4th and 5 zum Touchdown (12 Yards), 24:14 (9:18). Das ist ein typischer Mendoza-Moment an diesem Abend: nicht das heroische Wurfgewitter, sondern der QB als Stabilitätsanker, der die entscheidenden Yards auch körperlich nimmt.
Miami kommt trotzdem noch einmal zurück, und diesmal über Beck: ein 91-Yard-Drive, abgeschlossen mit dem 22-Yard-Touchdown-Pass auf Malachi Toney, 24:21 (6:37). Das ist die Phase, in der ein Titelspiel kippen kann, weil ein einziger Punt, ein einziger Sack, ein einziger Penalty alles entscheidet. Und Miamis Disziplinproblem hängt dabei wie ein Schatten über dem Comeback: Die vielen Strafen sind wie bereits im Halbfinale ein Problem, womit sich Miami selbst mit Flags wiederholt in Stress bringt.
Der entscheidende Unterschied ist dann, dass Indiana in den letzten Minuten genau das tut, was Indiana durch diese Playoffs getragen hat: die Uhr kontrollieren, Fehler vermeiden, die Partie in kalkulierbare Plays schneiden. Der letzte Indiana-Scoring-Drive endet nicht in einem Touchdown, sondern in einem 35-Yard-Field-Goal von Radicic zum 27:21 (1:42). Es ist der nüchterne Score, der aber maximalen Druck auf Miamis letzten Drive legt: kein weiterer Fehler, kein Sack, kein falscher Read.
Und dann schreibt dieses Finale seinen Schlusssatz in der Sprache, die Indiana in diesen Playoffs immer wieder genutzt hat: Defense beendet das Spiel. Mit 44 Sekunden auf der Uhr wirft Beck die Interception, Jamari Sharpe fängt sie und clincht damit praktisch den Titel. Das ist der Moment, der das gesamte Drehbuch zusammenzieht: Miami brauchte Explosivität, um dranzubleiben, Indiana brauchte nur Struktur, um am Ende die eine Gelegenheit zu bekommen, in der Miamis Risiko zum Bumerang wird.
Wenn man es als Argumentationslinie formuliert, ist dieses 27:21 kein Zufall, sondern die logische Summe aus zwei Spielrealitäten: Miami hatte die Big-Play-Momente (vor allem Fletchers 57-Yard-Run und der 91-Yard-TD-Drive), aber Indiana hatte die belastbarere Form von Kontrolle, lange Drives, Special-Teams-Impact, und die Defense, die im entscheidenden Moment nicht nur stoppt, sondern den Ball nimmt.


