Das waren die College Football Halbfinals – CFP

Fabian Weigl
Lesezeit: 16 Min.
Ein Footballspieler der Miami Hurricanes in einer weißen Uniform wird während eines College-Football-Spiels von zwei Spielern der Ole Miss in blauen Uniformen angegriffen. Der Miami-Spieler hält den Ball fest umklammert, als er zu Boden gebracht wird. Im unscharfen Hintergrund sind die Fans zu sehen. Diese Beschreibung wurde mit der FootballR KI automatisch generiert.
Foto: IMAGO / Imagn Images

Die beiden Halbfinals im College Football Playoff hätten kaum unterschiedlicher verlaufen können: Während die Fiesta Bowl zwischen Miami und Ole Miss ein enges, taktisch geprägtes Ringen auf Augenhöhe bot, wurde die Peach Bowl zwischen Indiana und Oregon zur einseitigen Demonstration von Dominanz und Disziplin. Was beide Spiele eint: Sie erzählen davon, wie Spielkontrolle, Fehlervermeidung und Systemtreue im Januar oft mehr wert sind als Spektakel.

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Fiesta Bowl

Die Fiesta Bowl war genau das Spiel, das einen Leser nicht mit einem „Winner advances“-Sticker abspeisen lässt, sondern einen zwingt, die Mechanik dahinter ernst zu nehmen: Miami gewinnt 31:27 gegen Ole Miss, aber nicht, weil irgendwann das Glück entschieden hätte, sondern weil dieses Halbfinale über vier Quarter hinweg wie ein Streitgespräch zwischen zwei Spielideen geführt wurde, Ole Miss als explosive, schnell zündende Offense, Miami als Team, das dir mit Ballbesitz und Down-to-Down-Disziplin die Luft aus dem Brustkorb drückt. Am Ende steht ein Score, der knapp wirkt. Die Art, wie er zustande kommt, ist eine Demonstration von Kontrolle, die sich nur manchmal so anfühlte.

Der Abend beginnt mit einem leisen, aber entscheidenden Signal: Miami eröffnet nicht mit Feuerwerk, sondern mit einem Drive, der sich wie eine Inventur liest, dreizehn Plays, 44 Yards, Field Goal. 3:0. Und während auf dem Papier nur drei Punkte stehen, ist die wichtigere Information, dass Miami sofort zeigt, wie diese Partie laufen soll: methodisch, mit wiederholten Third-Down-Antworten, so lange, bis Ole Miss seine Coverages und Fronts nicht mehr im Sprint, sondern in der Müdigkeit spielen muss. Genau dazu passt, was dann defensiv passiert: Ole Miss kommt im ersten Viertel überhaupt nicht in den Rhythmus, Miami mauert früh und drückt die Rebels zunächst in einen Abend hinein, der eher nach zähem Ringen als nach Shootout aussieht. Und dann als hätte jemand den Schalter umgelegt reicht Ole Miss ein einziger Moment, um das Spiel emotional zu drehen. Gleich zu Beginn des zweiten Viertels reißt Kewan Lacy einen 73-Yard-Touchdown-Run aus dem Nichts: zwei Plays, 80 Yards, 34 Sekunden. Plötzlich ist aus Miamis kontrolliertem Einstieg ein Spiel geworden, das kippen kann, wenn man Ole Miss nur eine saubere Spur gibst.

Das ist die zentrale Bedrohung, die Ole Miss den ganzen Abend mit sich trägt: Es braucht nicht viele Snaps, um dich zu bestrafen, es braucht nur einen, der sitzt.

Was Miami darauf macht, ist keine Antwort im Sinne von Highlight-Football, sondern die viel brutalere Variante: Sie nehmen reißen das Spiel an sich, nicht durch Turnover, sondern durch Zeit. Der folgende Touchdown-Drive ist ein 15-Play-Marsch über 75 Yards, abgeschlossen durch CharMar Browns 4-Yard-Run. Das ist nicht spektakulär, aber es ist genau der Mechanismus, mit dem Miami Ole Miss’ Explosivität neutralisieren will: lange Drives, viele Plays, wenig Volatilität.

Ole Miss hält dagegen und zwar nicht mit einem eigenen Statement-Drive, sondern mit dem zuverlässigsten Werkzeug des Abends: Lucas Carneiros Kicks, das erste über 42-Yards zum 10:10. Der eigentliche Bruch der ersten Halbzeit kommt kurz vor der Pause, als Miami den Moment erkennt, in dem Ole Miss einmal nicht perfekt sortiert ist. Beck findet Keelan Marion für den 52-Yard-Touchdown, ein vertikaler Treffer, der in einer Partie, die bis dahin von kleinen Nadelstichen lebt, plötzlich wie ein Messerstich wirkt. Ole Miss antwortet erneut über Carneiro, diesmal mit einem 58-Yard-Field-Goal unmittelbar vor der Halbzeit. Es ist der Punkt, an dem man das Gefühl bekommst: Ole Miss spielt nicht gut genug, um zu führen, aber gut genug, um Miami nicht davonziehen zu lassen.

Das dritte Viertel ist dann genau die Art Football, die viele Boxscores nicht erzählen: ein zähes Ringen um Feldposition und Fehlerfreiheit, in dem Ole Miss sich weiter an Miami heranschiebt, ohne das Spiel wirklich an sich zu reißen. Wieder Carneiro, wieder Field Goal, diesmal aus 54 Yards, womit es nur noch 17:16 steht. Und hier liegt der dramaturgische Kern: Miami führt, aber das Spiel fühlt sich an, als würde es auf einer Glasscheibe balancieren. Ein Drive, ein Broken Tackle, ein schlechter Angle und die Richtung ändert sich.

Im vierten Viertel passiert dann das, was gute Halbfinals auszeichnet: Die Partie wird nicht wild, sie wird eng und diese Enge erzeugt Wildheit. Ole Miss schiebt sich erstmals wieder wirklich an die Spitze, weil sie den langen Drive finden, den man ihnen bis dahin nur bedingt zugetraut hat: 14 Plays, 86 Yards, am Ende Carneiros viertes Field Goal, diesmal aus 21 Yards, zum 17:19. Das ist mehr als nur ein Führungswechsel: Es ist die Aussage, dass Ole Miss nicht ausschließlich vom Big Play lebt, sondern Miami auch im Grind zwingen kann.

Und genau da zeigt Miami seine zweite Identität, die man im Spielverlauf fast vergisst: Sie können auch zuschlagen, wenn das Fenster aufgeht. Nur vier Plays braucht der Gegenangriff, und Beck findet Malachi Toney für den 36-Yard-Touchdown zum 24:19. Als Screen konzipiert zeigt er hier seine Playmakerability, findet die Lücke in der Defense, lässt mehrere Defender aussteigen und läuft in die Endzone. Der Kontrast ist perfekt: Ole Miss arbeitet sich fünf Minuten lang zur Führung, Miami nimmt sie  in weniger als zwei wieder weg.

Ole Miss kippt es trotzdem noch einmal. Trinidad Chambliss führt sie in den letzten Minuten in genau die Situation, die du als Außenseiter liebst: ein klarer, aggressiver Abschluss. Der 24-Yard-Touchdown auf Dae’Quan Wright bringt sie zurück, und die Two-Point-Conversion auf Caleb Odom macht daraus ein 24:27 mit 3:13 auf der Uhr. In diesem Moment hat Ole Miss das Spiel einmal komplett umgeschrieben und eigentlich müsste man jetzt sagen: Das ist die Geschichte. Der Underdog-Killer, der Punch, der bleibt.

Aber dann kommt der Drive, der erklärt, warum Miami dieses Halbfinale trotz aller Wendungen verdient gewinnt und warum sich Football manchmal erst im letzten Kapitel vollständig zeigt. Beck und die Offense gehen nicht auf Big-Play-Jagd, sie gehen auf First Downs. 15 Plays, 75 Yards, 2:55 von der Uhr und am Ende kein Trick, kein Shot, sondern Beck selbst, 3-Yard-Run zum Touchdown mit 18 Sekunden Restzeit.

Die Schlüsselszene dieses Drives: ein  Third-and-10-Wurf auf Marion (17 Yards), der Ole Miss die Chance nimmt, den Drive mit einem Stop zu töten, kurz darauf noch einmal Marion für weitere Yards, und plötzlich steht Miami tief in der Red Zone, wo sich Kontrolle in Punkte verwandelt. Das ist Quarterbacking als Management von Stress: nicht heroisch“im Sinne von tiefen Bomben, sondern heroisch im Sinne von: Du bekommst einen Spielzug, der sitzen muss und das tut er.

Wenn man danach auf die Teamstatistik schaust, wirkt der Sieg noch logischer: Miami dominiert die Time of Possession mit 41:22 zu 18:38 und gewinnt die Third-Down-Schlacht (11/19 gegenüber 2/10). Auch in Total Yards liegt Miami vorne (459 zu 398). Genau diese Zahlen sind die Übersetzung dessen, was man im Spiel fühlst: Ole Miss kann Miama mit wenigen Plays verletzen, aber Miami zwingt sie im Gegenzug, über viele Downs hinweg zu verteidigen, bis die Struktur reißt.

Das Finale gehört dann trotzdem Ole Miss zumindest in der letzten Zügen des Spieles. Nach Becks Touchdown haben die Rebels noch einen kurzen Moment Hoffnung, kommen mit zwei Completions bis an die Miami-35, sechs Sekunden stehen noch, dann der letzte Wurf in die Endzone, unvollständig, Spiel vorbei. Und ja: Dieses Ende hatte sofort einen zweiten, lauteren Soundtrack, weil öffentlich über eine mögliche Pass-Interference-Szene beim finalen Hail-Mary diskutiert wurde, inklusive der medial sehr präsenten Debatte rund um die Bewertung als „mutual combat“ versus Flagge. Das ist nicht der Grund, warum Miami gewinnt. Aber es ist der Grund, warum die letzten sechs Sekunden bei vielen nicht einfach abgehakt wurden. Was von der Fiesta Bowl bleibt, ist damit eine klare Argumentationslinie, die sich durch alle Wendungen zieht: Ole Miss produziert die großen Momente, der 73-Yard-Run, der späte TD plus Two-Point, aber Miami besitzt die Infrastruktur, die Spiele in kleinen Portionen gewinnt. Drives, Downs, Zeit, Wiederholbarkeit. Genau deshalb wirkt der Spielverlauf chaotisch, während das Ergebnis in der Logik des Abends erstaunlich sauber ist: Miami war nicht das Team mit den meisten „Wow“-Plays. Miami war das Team, das dir am Ende die Uhr aus der Hand nimmt.

Peach Bowl

Die Peach Bowl beginnt nicht mit einem Abtasten der beiden Kontrahenten, sie beginnt mit einem Schlag ins Gesicht und zwar nach elf Sekunden. Oregons erster Offensiv-Snap, Dante Moore will den Ball zu Malik Benson bringen, und D’Angelo Ponds liest das Ding, springt dazwischen und trägt die Interception 25 Yards in die Endzone. 7:0 Indiana, 14:49 im ersten Viertel, ein Pick Six als Eröffnungsstatement, das den Rest des Abends in einen Rahmen zwingt: Oregon spielt von Beginn an gegen das Scoreboard und gegen eine Defense, die nicht nur stoppt, sondern direkt punktet. Das perfide daran ist: Oregon antwortet zunächst so, wie man es von einem Top-Team erwartest. Sie sammeln sich, gehen in einen langen, kontrollierten Drive mit 14 Plays und  75 Yards und Moore findet Jamari Johnson für 19 Yards zum Touchdown. 7:7. Für einen Moment sieht es aus, als könnte Oregon den Unfall vom ersten Snap wegmoderieren.

Aber genau hier setzt die Grundlogik dieses Spiels ein: Indiana lässt dich nicht normal spielen. Selbst wenn man punktet, muss man jeden weiteren Drive mit dem Wissen beginnen, dass ein einziger Fehler nicht nur ein Punt ist, sondern ein sofortiger Bruch der gesamten Statik.

Indiana übernimmt wieder, diesmal nicht über Defense, sondern über die Offense, und zwar in der Form, die den Abend prägt: effizient, sauber, ohne das große Risiko erzwingen zu müssen. Fernando Mendoza führt einen 11-Play-Drive über 75 Yards und trifft Omar Cooper Jr. für acht Yards zum 14:7 bei 0:40 im ersten Viertel. Das ist der zweite wichtige Marker: Indiana ist nicht nur Turnover-Team, sondern kann spielt konsequenten Football mit entscheindener Kontrolle über Ball und Uhr..

Im zweiten Viertel wird aus dem engen Spiel eine Demontage und der Treibstoff dafür sind nicht Trickplays oder ein plötzlicher Offensivrausch, sondern Oregons Ballverluste, die Indiana in kurze Felder und einfache Punkte übersetzt. Indiana erzeugt drei Touchdowns in der ersten Halbzeit über Turnovers. Der Ablauf ist brutal klar: Moore fumbled, Indiana recovered an Oregons 3-Yard-Linie, Kaelon Black läuft aus einem Yard zum 21:7 bei 8:17 im zweiten Viertel. Später im Viertel folgt der nächste Schlag: Moore verliert erneut den Ball, Indiana bekommt wieder ein kurzes Feld Oregons 21 und Mendoza findet Elijah Sarratt zum Touchdown. Dazwischen liegt noch ein weiterer Mendoza-Touchdown-Pass, ein 36-Yard-Strike auf Charlie Becker zum 28:7. Zur Halbzeit steht es 35:7. Das ist nicht einfach früh weggezogen, das ist ein Spiel, in dem Oregon innerhalb von 30 Minuten gleich mehrfach die eigene Lebensversicherung kündigt: Ballbesitz. Was diese erste Halbzeit so endgültig macht: Oregon war  ohne zwei wichtige Running Backs (Whittington raus, Davison bereits als out gelistet), und Indiana hält die Ducks bis zur Pause praktisch komplett aus dem Run Game, neun Rushing Yards auf 17 Carries zur Halbzeit. Man sieht förmlich, wie Oregon sich in ein eindimensionales Spiel pressen lässt, während Indiana gleichzeitig weiß: Wenn Oregon nur noch über Moore kommen kann, steigt die Wahrscheinlichkeit für genau jene Fehler, die Indiana schon im ersten Snap genutzt hat.

Nach der Pause versucht Oregon, wenigstens kurz den Puls zu finden. Indiana erhöht auf 42:7 durch Mendoza zu E.J. Williams Jr. mit einem 13-Yard-TD-Pass bei 8:52 im dritten Viertel. Oregon kontert dann mit seinem besten explosiven Moment: Ein 70-Yard-Run von Dierre Hill Jr. bringt sie in Scoring-Position, Jay Harris vollendet per 2-Yard-Run, plus Two-Point-Conversion und stellt auf 42:15. Das ist der Abschnitt, in dem man theoretisch noch über Runs sprechen könnte. Praktisch ist es aber nur eine Erinnerung daran, wie groß die Lücke bereits ist: Oregon braucht ein 75-Yard-Quickstrike-Drive, um überhaupt wieder Luft zu bekommen, während Indiana weiter wie ein Metronom wirkt.

Im vierten Viertel setzt Indiana dann noch einmal ein Ausrufezeichen, das den Charakter des Abends perfekt zusammenfasst: selbst Special Teams liefern Big Plays. Daniel Ndukwe blockt einen Punt, Indiana bekommt erneut ein ultrakurzes Feld und Mendoza nutzt es sofort mit seinem zweiten Touchdown-Pass auf Sarratt mit 3 Yards zum 49:15. Kurz darauf bricht Kaelon Black noch einen 23-Yard-TD-Run zum 56:15. Oregon bekommt am Ende noch einen kosmetischen Touchdown mit einem 1-Yard-Pass auf Roger Saleapaga aber dieses Spiel ist da längst nicht mehr spannend im klassischen Sinb, es ist entschieden, seit Indiana die Turnover-Kaskade der ersten Halbzeit in eine 35:7-Führung gegossen hat.

In der Peach Bowl gewinnt nicht das Team mit den schönsten Drives, sondern das Team mit dem robusteren Spielmodell und Indiana hat Oregon in jeder dieser Grundkategorien geschlagen. Die Defense entscheidet den Ton mit einem Pick Six auf dem ersten Snap und erzwingt danach die Fehler, die Oregon aus dem Spiel nehmen.

Die Offense ist der Verstärker: Mendoza spielt fast fehlerfrei (17/20) und wirft fünf Touchdowns, verteilt die Scores (u. a. zwei auf Sarratt) und macht aus kurzen Feldern zuverlässig sieben statt drei. Und Oregon? Oregon wird in eine Rolle gedrängt, in der jeder Drive unter Druck steht, weil das Spiel schon früh nicht mehr neutral ist. Das ist der Unterschied zwischen einem knappen Halbfinale und einem Blowout: Nicht, dass ein Team alles trifft, sondern dass das andere Team keine safe Variante mehr hat, um sich zu stabilisieren.

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Fabian Weigl beschäftigt sich seit mehreren Jahren intensiv mit der NFL und der NCAA und bringt seine Begeisterung für American Football in fundierte Analysen und Berichte ein. Durch die kontinuierliche Auseinandersetzung mit Teams, Spielern und Spielstrategien hat er sich ein Wissen über den Sport angeeignet.

Beruflich ist er im Controlling tätig. Mit seinem ausgeprägten Blick für Details und aktuellen Entwicklungen möchte Fabian Weigl seine Leidenschaft für Football weiter vertiefen.

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