Zum Ende der Regular Season trennen sich gleich mehrere NFL-Teams von ihren Head Coaches. Die Entscheidungen bei den Cardinals, Browns, Raiders und Falcons wirken auf den ersten Blick wie klassische Reaktionen auf Misserfolg – doch hinter jedem Abschied steckt eine andere Geschichte: strukturelle Schieflagen, fehlende offensive Visionen, strategische Missverständnisse oder schlicht ausbleibender Fortschritt. Was bleibt, sind vier Beispiele dafür, wie komplex das Amt des Head Coaches heute ist – und wie schnell sogar erfahrene oder erfolgreiche Namen daran scheitern können.
Jonathan Gannon
Jonathan Gannon kam nach Arizona mit dem Ruf eines defensiven Taktikers, der aus Struktur, Disziplin und Anpassungsfähigkeit ein Fundament bauen kann. Doch drei Jahre später endete seine Zeit bei den Cardinals ohne Playoff-Teilnahme, mit einer 3-14-Saison und einer neun Spiele langen Niederlagenserie zum Abschluss. Gannons Entlassung ist weniger das Ergebnis eines einzelnen Fehljahres als das Scheitern eines Projekts, das weder offensiv noch organisatorisch jemals Stabilität fand.
Das zentrale Problem war von Beginn an klar: Gannon übernahm ein Team, dessen Schicksal an der Offensive hing, an einem Quarterback mit Franchise-Vertrag, verletzungsbedingt unterbrochener Entwicklung und enormen Erwartungen. Kyler Murray war nie nur ein Spieler, sondern die strategische Achse der Cardinals. Gannon selbst brachte jedoch kein offensives Profil mit, sondern musste diese Seite des Balls über Koordinatoren, Systeme und Kompromisse steuern. Genau dort begann die strukturelle Schieflage.
Offensiv blieben die Cardinals über weite Strecken ineffizient. Punkte pro Spiel, Yards pro Play und Drive-Sustainability bewegten sich konstant im unteren Ligadrittel. Die Saison 2025 begann mit einem trügerischen 2-0-Start, bevor Arizona 13 der nächsten 15 Spiele verlor. Besonders auffällig war, wie schnell Spiele kippten: frühe Stagnation, fehlende Adjustments, kaum explosive Sequenzen. Die Offense funktionierte nicht als Träger , sie reagierte, statt zu diktieren.
Dabei greift es zu kurz, Gannon ausschließlich als Opfer der Umstände zu zeichnen. Ja, die Quarterback-Situation war komplex, Verletzungen spielten eine Rolle, und der Kader befand sich im Übergang. Doch genau hier liegt der Kern der Kritik: Ein Head Coach ohne offensive DNA muss zumindest Klarheit schaffen, in Rollen, Abläufen, Prioritäten. Diese Klarheit blieb aus. Die Cardinals spielten phasenweise unterschiedliche Offensividentitäten, ohne eine davon konsequent zu verfolgen.
Auch Gannons Einfluss auf das Gesamtbild blieb begrenzt. Als Defensive Coach gelang es ihm nicht, der Mannschaft über Spielkontrolle oder Feldposition Vorteile zu verschaffen. Disziplin und Struktur, eigentlich seine Markenzeichen in seiner Zeit bei den Eagles, waren inkonsistent. Der öffentlich gewordene Sideline-Vorfall mit Running Back Emari Demercado wirkte dabei weniger wie ein Ausrutscher als wie ein Symbol wachsender Frustration innerhalb eines Teams, das Woche für Woche an sich selbst scheiterte.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache. Drei Saisons, keine Playoffs, eine Gesamtbilanz von 15-36. Besonders die Entwicklungskurve ist ernüchternd: Statt Aufbau folgte Regression, statt Stabilisierung ein Absturz mit neun Niederlagen in Serie zum Saisonende. In einer NFC West, die vor einigen Jahren nicht unüberwindbar war, blieb Arizona chancenlos.
Gannons Entlassung ist daher folgerichtig und dennoch kein reiner Coaching-Befund. Die Cardinals haben über Jahre hinweg widersprüchliche Signale gesendet: Win-now-Verträge und Rebuild-Realität, Quarterback-Bindung ohne klaren Entwicklungsplan, defensive Coaches für offensive Kernprobleme. Gannon war Teil dieses Systems, aber er konnte es nicht korrigieren. Und letztlich ist genau das der Maßstab für einen Head Coach.
Für Arizona beginnt nun erneut ein Neustart, diesmal mit der zwingenden Frage nach der offensiven Identität. Alles läuft auf Kyler Murray hinaus oder auf die Entscheidung, sich von ihm zu lösen. Der nächste Head Coach wird weniger Taktiker als Architekt sein müssen, jemand, der die Offensive ins Zentrum stellt und daraus Struktur ableitet. Gannons Zeit zeigt, was passiert, wenn diese Aufgabe ungelöst bleibt.
Kevin Stefanski

Kevin Stefanski kam nach Cleveland, um Ordnung zu bringen. Struktur, Timing, Play-Action, ein Run-Game als Fundament, all das stand für eine Offense, die Fehler minimiert und Quarterbacks schützt. In seinen besten Momenten funktionierte dieses Modell. Doch sechs Jahre, zwei Coach-of-the-Year-Auszeichnungen und zwei Playoff-Teilnahmen später endete Stefanskis Amtszeit abrupt. Nicht, weil er ein schlechter Head Coach war, sondern weil das Browns-Projekt sich in eine Richtung bewegte, die nie zu ihm passte.
Der Anfang war vielversprechend. 2020 führten Stefanski und Baker Mayfield die Browns in die Playoffs, das Laufspiel dominierte, die Offense war klar strukturiert. Cleveland wirkte zum ersten Mal seit Jahren wie ein Team mit Plan. Stefanski galt als moderner Taktiker, der klassische Prinzipien effizient umsetzte. Doch dieser Plan hielt nicht lange und das lag weniger am Coach als an einer Organisationsentscheidung, die alles veränderte.
Der Deshaun-Watson-Trade zwang die Browns in eine Offense, die Stefanski nie bauen wollte. Statt rhythmischem Passspiel aus Play-Action, klaren Reads und kontrollierter Aggressivität verlangte Watsons Profil nach einer vertikaleren, improvisationslastigen Struktur. Mehr Spread, mehr Shot Plays, weniger Timing. Stefanski passte sich an, aber er transformierte sich nicht. Die Offense verlor ihre Identität, ohne eine neue zu gewinnen.
Die Zahlen der letzten Jahre spiegeln genau dieses Dilemma wider. Cleveland blieb offensiv inkonsistent, häufig unter dem Ligadurchschnitt bei Punkten pro Spiel und Yards pro Play. Drives wirkten fragmentiert, das Passspiel selten synchron. Wenn Watson fehlte, musste Stefanski improvisieren: Joe Flacco brachte kurzfristig Stabilität, Rookie-Lösungen blieben roh. Doch nichts davon war nachhaltig. Die Browns spielten mehrere Offenses parallel und keine vollständig.
Dabei darf Stefanskis Gesamtleistung nicht unterschlagen werden. Zwei Playoff-Teilnahmen, zwei Coach-of-the-Year-Titel, Respekt im Locker Room. Stefanski konnte Teams vorbereiten, Game Plans aufsetzen, defensive Schwächen attackieren. Was ihm jedoch zunehmend fehlte, war Kontrolle über das große Ganze. In Cleveland bestimmten Quarterback-Politik, Cap-Struktur und Ownership-Druck den Kurs, nicht die Offense-Philosophie des Head Coaches.
Die letzten beiden Saisons beschleunigten das Ende. Auf ein 3-14 folgte ein 5-12, die Browns rutschten erneut ans Ende der AFC North, Verletzungen spielten eine Rolle, ebenso Kaderlücken. Doch der entscheidende Punkt war ein anderer: Trotz aller Umstände war kein klarer Entwicklungspfad mehr erkennbar. Die Offense veränderte sich. aber sie wurde nicht besser. Für eine Franchise, die sich mit dem Watson-Trade selbst unter Erfolgszwang gesetzt hatte, war das nicht tragbar.
Dass General Manager Andrew Berry im Amt bleibt, unterstreicht diese Logik. Cleveland trennt sich nicht von Stefanski als Symbolfigur, sondern als Teil einer Neuausrichtung, die endlich wieder Kohärenz schaffen soll. Die Browns müssen entscheiden, welche Offense sie spielen wollen und dann einen Coach finden, der diese Vision kompromisslos verkörpert. Stefanski war dazu zu flexibel, zu anpassungsfähig, vielleicht zu loyal gegenüber einer Strategie, die nie seine war.
Kevin Stefanski wird in der NFL wieder arbeiten. Dafür ist er zu kompetent, zu strukturiert, zu respektiert. Doch sein Cleveland-Kapitel zeigt, wie schnell ein passender Coach im falschen Rahmen an Wirkung verliert. Die Browns stehen nun erneut vor der gleichen Aufgabe wie so oft: Nicht nur einen neuen Head Coach zu finden, sondern endlich einen Plan, der länger hält als der nächste Quarterback-Trade.
Pete Carroll

Ein 74-jähriger Super-Bowl-Gewinner, eine Franchise auf der Suche nach Richtung, ein Kader ohne klare Identität und am Ende doch wieder dasselbe Ergebnis. Pete Carrolls Rückkehr als Head Coach der Las Vegas Raiders sollte Erfahrung, Stabilität und Siegermentalität bringen. Stattdessen endete die Saison 2025 mit einem 3-14-Record, einer der schwächsten Offenses der Liga und einer Entlassung nach nur einem Jahr. Carrolls Raiders-Intermezzo ist weniger ein tragisches Missverständnis als die Summe vieler Entscheidungen, die nie zusammenpassten.
Die Verpflichtung Carrolls war ein Statement. Mark Davis setzte auf Bewährtes, auf Leadership, auf eine Figur, die Chaos ordnen kann. Doch genau diese Ordnung stellte sich nie ein. Carroll brachte Konzepte, Personalentscheidungen und vertraute Namen aus früheren Erfolgen mit, nur trafen diese auf eine Organisation, die seit Jahren strukturell instabil ist und kaum Geduld für organisches Wachstum besitzt. Was entstehen sollte, war ein Übergang in Richtung Wettbewerbsfähigkeit. Was blieb, war ein Team ohne funktionierendes Fundament.
Das Kernproblem lag erneut in der Offense. Die Raiders produzierten unter Carroll eines der schwächsten Angriffsprodukte der Liga. Mit rund 14 Punkten pro Spiel belegte Las Vegas den letzten Platz der NFL, auch Yards pro Play und Expected Points Added rangierten am Tabellenende. Drives versandeten früh, explosive Plays waren die Ausnahme, und selbst einfache offensive Sequenzen wirkten oft schwerfällig. In einer Liga, die über Quarterback-Play und offensive Effizienz definiert wird, war das zu wenig, unabhängig vom Kader.
Die Quarterback-Strategie verschärfte diese Schwäche. Carroll setzte auf eine Reunion mit Geno Smith, setzte auf Vertrautheit statt auf strukturellen Neuaufbau. Doch diese Verbindung fruchtete nicht. Smith blieb limitiert, die Offense bot ihm kaum schematische Hilfe, und eine echte Entwicklungsalternative fehlte. Statt Klarheit entstand ein Vakuum: kein langfristiger Plan, kein kurzfristiger Output. Für einen Coach, der jahrzehntelang für klare Rollen und einfache Prinzipien stand, war das bemerkenswert.
Auch die Koordinatoren-Konstellation brachte keine Stabilität. Chip Kellys Verpflichtung als Offensive Coordinator klang nach Innovation, blieb aber fragmentarisch. Spielphilosophien griffen nicht ineinander, Anpassungen kamen spät, interne Veränderungen während der Saison wirkten wie Reaktionen auf Symptome statt Ursachen. Carroll gelang es nicht, seinem Staff eine kohärente Richtung vorzugeben, ein zentrales Versäumnis für einen Head Coach, dessen Mehrwert genau dort liegen sollte.
Natürlich spielte auch der Kontext eine Rolle. Die Raiders sind eine der unruhigsten Organisationen der letzten Jahre, mit vier Head Coaches in fünf Saisons und ständig wechselnden Machtzentren. Doch genau deshalb wiegt Carrolls Scheitern schwerer. Er wurde nicht als Projekt eingestellt, sondern als Lösung. Nicht als Entwickler, sondern als Fixpunkt. Dass es ihm nicht gelang, selbst grundlegende Stabilität herzustellen, spricht gegen die Annahme, Erfahrung allein könne strukturelle Defizite kompensieren.
Die Entlassung ist damit folgerichtig und zugleich ein Eingeständnis. Las Vegas steht erneut vor einem kompletten Neustart, diesmal mit dem Nummer-1-Pick im Draft 2026 als Hoffnungsträger. Der Fokus liegt nun nicht mehr auf Übergangslösungen, sondern auf einem echten Rebuild: Quarterback, System, Kultur aus einem Guss. Dass Tom Brady in die Coach-Suche eingebunden wird, unterstreicht diesen Anspruch.
Pete Carrolls Karriere wird durch dieses Kapitel nicht neu bewertet. Seine Erfolge bleiben unangetastet. Doch sein Jahr in Las Vegas zeigt die Grenzen auch großer Namen. In der NFL entscheidet nicht Vergangenheit, sondern Passung. Und zwischen Carroll und den Raiders stimmte am Ende fast nichts.
Raheem Morris
Als Raheem Morris im Januar 2024 das Ruder bei den Atlanta Falcons übernahm, war die Hoffnung größer als der Kader. Endlich wieder Stabilität, endlich wieder eine erkennbare Identität, endlich ein Head Coach, der Defensive, Kultur und Alltag zusammenführen konnte. Zwei Jahre später steht unter dieser Hoffnung eine nüchterne Bilanz: zweimal 8-9, keine Playoffs, kein erkennbarer Entwicklungssprung. Und damit die Frage, die Atlanta nicht länger vertagen wollte: Reicht das?
Morris’ Zeit bei den Falcons war kein Chaos, kein Totalschaden, kein gescheitertes Experiment im klassischen Sinn. Sie war vielmehr das Abbild einer Organisation, die wusste, was sie nicht mehr sein wollte, aber nie klar definierte, was sie stattdessen sein sollte. Defensiv stabil, offensiv effizient, quarterbackfreundlich: Das klang schlüssig, blieb aber abstrakt. Auf dem Feld zeigte sich diese Unschärfe in einer Mannschaft, die selten schlecht, aber ebenso selten entscheidend gut war. Fortschritt war sichtbar, Durchbruch nie.
Am deutlichsten wurde dieses strukturelle Problem auf der Quarterback-Position. Die Verpflichtung von Kirk Cousins bei gleichzeitiger Draft-Investition in Michael Penix Jr. war weniger ein Coaching-Plan als ein organisatorischer Kompromiss. Zwei Zeitachsen, zwei Erwartungshaltungen, keine klare Priorisierung. Diese Entscheidung lag primär beim Front Office, sie prägte jedoch zwangsläufig das Coaching. Playcalling, Game Scripts und Risikoabwägungen schwankten zwischen Absicherung und Entwicklung, zwischen Kontrolle und Vorsicht. Morris und sein Offensive Coordinator schafften es nicht, aus beiden Optionen ein klares Leistungsversprechen zu formen. Cousins blieb funktional, aber nie spielentscheidend. Penix zeigte Ansätze, bekam jedoch keine definierte Rolle, die über Momentaufnahmen hinausging. Das Resultat war kein Quarterback-Versagen, sondern ein System ohne klare Richtung.
Hinzu kam ein In-Game-Management, das zu oft im Mittelmaß verharrte. In engen Spielen agierten die Falcons konservativ, mit schwankender Konsequenz bei Fourth-Down-Entscheidungen und auffälligen Problemen im Clock-Management. Anpassungen nach der Halbzeit blieben punktuell, nicht systematisch. Atlanta verlor Spiele selten spektakulär, aber auffallend häufig leise, durch verpasste Chancen, nicht durch individuelles Versagen. Gerade in One-Score-Games fehlte jener Coaching-Edge, der ein gutes Team in ein Playoff-Team verwandelt.
Auch der Staff spiegelte diese Begrenzung wider. Morris’ defensive Handschrift war erkennbar, aber volatil. Die Offense lebte stark von Einzelaktionen von Bijan Robinson oder Drake London, jedoch ohne klare strukturelle Dominanz. Kein Koordinator entwickelte sich zum echten Plusfaktor, keiner zwang Gegner regelmäßig zu Anpassungen. Für einen Head Coach ohne überragenden Staff-Vorteil wird Game Management zur zentralen Währung. Und genau dort blieb Morris neutral.
Der Vier-Siege-Endspurt zum Saisonende lieferte dennoch ein wichtiges Signal, allerdings nicht jenes, das Morris’ Verbleib hätte sichern können. Er zeigte, dass der Kader konkurrenzfähig ist, dass die Falcons kein Rebuild-Team sind. Er sagte jedoch wenig über nachhaltigen Coaching-Erfolg aus. Gegnerqualität, fehlender Playoff-Druck und situative Effizienz relativieren diese Serie. Hoffnung, ja, Beweis, nein.
So bleibt am Ende eine nüchterne Einordnung: Raheem Morris ist ein starker Defensive Coordinator, ein respektierter Football-Lehrer, ein stabilisierender Faktor. Als Head Coach jedoch brachte er Atlanta keinen strukturellen Vorteil. In einer Franchise, die seit acht Jahren auf die Playoffs wartet, ist das zu wenig. Die gleichzeitige Entlassung des General Managers unterstreicht, dass diese Entscheidung weniger eine Abrechnung mit Morris als ein Eingeständnis organisatorischen Scheiterns ist. Atlanta braucht keine halben Lösungen mehr. Und Morris war, bei aller Kompetenz, genau das.


